Das Portrait ist mehr als ein Bild eines Gesichts. Es ist ein Machtverhältnis. Eine Annäherung. Eine Grenzüberschreitung. Wer ein Portrait macht, behauptet Nähe. Behauptet Wissen. Behauptet, jemanden gesehen zu haben. Doch wie Susan Sontag schreibt, ist das Fotografieren von Menschen kein unschuldiger Akt. Es kann als eine Form der Aneignung verstanden werden, als symbolischer Besitz. Die Kamera überbrückt Distanzen und schafft zugleich eine neue. Sie macht sichtbar und entzieht zugleich Kontrolle. Dieser Kurs begreift das Portrait als ein Feld der Verhandlung: zwischen Fotograf*in und Gegenüber, zwischen Technik und Ethik, zwischen Präsenz und Projektion. Schritt für Schritt setzen wir uns mit dem Portrait auseinander. Wir beginnen bewusst mit der analogen Fotografie. Film zwingt zur Entscheidung. Jede Aufnahme ist endgültig, jeder Auslöser trägt Gewicht. Der Prozess ist langsam, körperlich, chemisch. Bilder erscheinen nicht sofort, sondern entwickeln sich im Dunkelraum. Diese Verzögerung schafft Raum für Reflexion: Was habe ich gesehen? Was habe ich eingefroren? Was habe ich vielleicht übersehen? Von dort aus bewegen wir uns durch verschiedene Stufen der fotografischen Praxis (Lichtführung, Komposition, Distanz, Serienbildung), bis wir gegen Ende des Semesters in den digitalen Raum wechseln. Nicht um Geschwindigkeit zu feiern, sondern um Unterschiede erfahrbar zu machen. Was verändert sich, wenn Bilder sofort kontrollierbar, löschbar, wiederholbar sind? Wie verschiebt sich Macht, wenn das Bild jederzeit optimiert werden kann? Ein zentraler Bestandteil des Kurses heißt „Hunting for Strangers“. Hier geht es nicht nur um das fertige Bild, sondern um den Moment davor: um die Angst, fremde Menschen anzusprechen. Um Ablehnung. Um Unsicherheit. Um das Zögern vor der Begegnung. Wenn Fotografie eine Form der Jagd ist, wie Sontag nahelegt, was bedeutet das für unsere Praxis? Ist das Portrait ein Raubzug oder kann es ein Dialog sein? Wie lässt sich fotografieren, ohne zu verletzen? Oder ist jede fotografische Geste immer auch ein Eingriff? In praktischen Übungen werden wir fremde Personen kontaktieren, Gespräche führen, um Erlaubnis zu bitten und Vertrauen aufzubauen. Der Prozess der Annäherung wird Teil der Arbeit. Das Portrait entsteht nicht nur vor der Kamera, sondern im Zwischenraum der Blicke. Der Kurs versteht Fotografie nicht als bloßes Handwerk, sondern als ethische Praxis. Er verbindet technische Schulung mit kritischer Reflexion. Zwischen analogem Material und digitaler Oberfläche entsteht ein Raum, in dem das Portrait nicht als Selbstverständlichkeit erscheint, sondern als fragile Konstruktion. Wie prägt die Kamera unser Verständnis von Identität? Wer wird sichtbar und unter welchen Bedingungen? Kann das Portrait ein Ort der Begegnung sein, statt der Aneignung? Dieses Zusammenspiel aus kritischer Auseinandersetzung und praktischer Arbeit ermöglicht es, das Portrait nicht als feststehende Kategorie zu begreifen, sondern als dynamisches Feld. Ein Feld, das herausfordert, verunsichert und transformiert werden kann. Fotografie beginnt mit einem Blick. Doch was wir daraus machen, ist eine Entscheidung. Exkursion: In Zusammenarbeit mit dem Fotografie-Projektmodul „CTRL + ME: Portrait Collage in the Age of Copy & Paste“ findet am 02. und 03. Mai eine zweitägige Exkursion nach Berlin statt. Diese Reise bietet den Studierenden die Gelegenheit, aktuelle künstlerische und kuratorische Ansätze vor Ort kennenzulernen und die Inhalte des Projekts in einen praxisnahen Kontext zu vertiefen. So wird der im Seminar entwickelte Diskurs um Blick, Macht und Material um eine zeitgenössische Perspektive erweitert. |